Sonntag, 22. März 2009

Indonesia: besser arm ab als arm dran...

22.03.2009

Mannomann – gibt es viel zu erzählen! Ich komm grad wieder aus Jakarta, bin allein zu Haus, und das Haus ist quasi überschwemmt – also wohl doch nicht so ganz dicht bei Regen… bin schon am pressen von meinen wichtigeren Papieren die nass geworden sind.

Aber zum Wochenende: ganz nach indonesischer Manier war der Plan zuerst, von Fr bis So nach Jakarta zu fahren, dann wurde der Termin auf Sa bis Mo verschoben, und Fr früh um 09.30h spontan auf Abfahrt am Bahnhof am selben Tag um 10.30h festgelegt. Die Zugfahrt (habe mir eine Zugfahrt gewünscht – da man das Land so schön sehen können soll) war in der Tat fantastisch. Habe erst einmal eine halbe Stunde klaren blauen Himmel mit Schäfchenwolken, Sonnenschein und üppige Vegetation, Reisfelder und Berge aufgesogen. Die nächste halbe Stunde habe ich das alles 1000 Mal fotografiert (Fotos folgen also – muss ersteinmal sortieren) und dann wieder nur geschaut. Das alles mit Elton Johns Melodien im Ohr – die äußerst unterstützend waren bei dem Gefühl mein Herz öffnet sich – so weit, dass es fast weh tut, dass es nicht mehr weiter geht! Schon jetzt lässt sich das Gefühl nicht mehr ganz fassen – keine Ahnung also, ob ihr das versteht oder auch jemals habt. Häufig ist so etwas sicherlich nicht. Zwischendurch kam auch tiefe Traurigkeit ob der armen Kreaturen, die auf den Reisfeldern arbeiteten. Kurz nachdem ich für ein paar Sekunden das Gefühl hatte „hier ist die Welt noch in Ordnung“ eben wegen oben beschriebener Szenerie. Dann dachte ich daran wie wenig sie in Ordnung ist, welche Knochenarbeit bei der Hitze auf dem Feld betrieben wird, wie riesig gerade in Indonesien die Unterschiede zwischen arm und reich sind.

Das war überhaupt das große Thema für mich an diesem Wochenende: the social gap! Ich habe Denish gefragt, wenn sie sich die finanzielle Situation der gesamten indonesischen Gesellschaft vorstellt, und alle zwischen 1 und 100 einzuordnen wären, wo sie sich bzw. ihre Familie platzieren würde (übrigens immer wieder anzumerken, was für ein riesen Glück ich mit Denish habe, sie so etwas fragen zu können. Die Mehrheit der Indonesier – höre ich immer wieder – ist überhaupt nicht für ernsthafte Gespräche zu haben und nicht annähernd so offen wie meine Denish). Sie meinte sich bei 50. Reisfeldarbeiter wären dann bei unter 10 oder so. Bettler stehen für 1. Und Gilang bei 75. In der Tat sieht man riesen Unterschiede zwischen Denishs und Gilangs Haus. Deren Autos wiederrum sind vom gleichen Standard. Später habe ich auch Gilang befragt, sie hat sich selber bei 70 und Denish bei 60 platziert. Ich denke da sagen Bilder mehr als tausend Worte – schaut sie euch einfach an. Großer Schock war zuerst einmal das Bett in Denishs Haus wo deren ‚maid‘ schläft. Die ist um die 18. Womit haben ich und Denish das verdient, zu studieren, eine Zukunft vor uns zu haben, wenn dieses jüngere Mädchen nur für andere putzt und kocht??
Denish meint, ihre Eltern seien gute Arbeitgeber – gäben nicht nur den Mindestlohn und sie hätte auch frei. Es wäre ein Job wie viele andere. Letztendlich hat sie wohl recht – zumal mein (spontanes) Entsetzen/Mitgefühl/meine Beschämung sich z.B. nie so sehr auf die Menschen gerichtet hat, die tagtäglich Essen an der Straße verkaufen. Das muss auch zum Kotzen sein, mit den paar Gerätschaften, bei der Hitze und mit dem Transport der schweren Dinge. Ich hab mich also schon wieder beruhigt – und doch waren die Unterschiede um so vieles sichtbarer, dass ich mich frage warum um alles in der Welt der Unterschied zwischen arm und reich ein Thema in Deutschland ist. Deutschland ist das Paradies auf Erden!!

Weiterhin ist mir nicht ganz klar, womit manche Dienstmädchen beschäftigt werden. Bei Denishs Eltern ist mir das völlig klar, denn dort gibt es weder Waschmaschine noch Geschirrspüler, es muss gewaschen, gekocht, geputzt werden und außerdem hilft das Dienstmädchen auch in dem Restaurant der Eltern mit. Also dachte ich „klar – wo man nicht so viele Hilfsmittel hat wie in Deutschland, da muss man Leute beschäftigen, sonst kann man seine Arbeit ja nicht tun“. Gilang (ihre Eltern haben kein Restaurant) behauptet nun aber, sie hätten eine Waschmaschine (nach Staubsauger hab ich nicht gefragt) – hauptsächlich koche ihr Dienstmädchen. Die muss ja n schönes Leben haben?!?

Also ich kann so einen richtigen Entwicklungsland-Aufenthalt nur empfehlen, wenn man mal seine Perspektiven zurechtrücken möchte. Lange war ich nicht so von Dank erfüllt. Ich meine: letztendlich hat jeder Hartz IV-Empfänger die gleiche Dusche wie deutsche „Großverdiener“, wie du und ich, aus der mit ordentlichem Strahl warmes (!) Wasser kommt. Denishs Bad könnt ihr ja auf den Bildern sehen, und während Gilangs Familie so einen Luxus wie warmes Wasser besitzt, tröpfelt es derart aus der Brause, dass ich doch die indonesische Art, des Wasser-schöpfens-und-über-mich-gießens gewählt hab. Ich merke wie ich schon wieder schlucke bei diesem Gefühl von Ungerechtigkeit.

Und wo wir beim Thema Entwicklungsland sind: ich wollte euch immernoch erzählen, wann ich zuvor am meisten das Gefühl bekam in einem zu sein. Und zwar dann, wenn ich die kleinen Feuer überall sehe, mit denen der überflüssige Müll verbrannt wird. Und die größere offiziellere Müllverbrennung? Ein komischer Bunker aus dessen Fensterloch es ordentlich stinkig qualmt – auch bloß Feuer. Vermutlich weiß man, dass Entwicklungsländer weder Müll trennen noch irgendwelche Systeme zum säubern des Qualms oder entsorgen der Reste haben – und doch, das so zu sehen - es bricht mir das Herz wenn ich an die Natur denke.

Ansonsten wieder die gleiche Feststellung: man gewöhnt sich an alles. Während ich Denishs kleines Haus in Jakarta zu Beginn meines Aufenthaltes noch entsetzlich gefunden hätte, war es jetzt für die 2 Tage vollkommen okay. Gut zu wissen, das alles irgendwann okay ist. Und jetzt bin ich back in meiner undichten Luxusbude *lach*.

Und große Freude über die Gastfreundschaft von Denishs Familie. Auch wenn ich immernoch kein Indonesisch spreche. „Danke“ und „wie geht’s“ und „Hühnchen, Rind, Ente, Nudeln, Reis“ sind einfach nicht genug ;)
Ich habe wieder einmal einen von vielen Schritten in die ‚Stretchzone‘ getan und Denishs Eltern auf indonesische (oder muslimische??) Art und Weise begrüßt – das haben sie offensichtlich außerordentlich gewürdigt. So begrüßt man nur ältere und zollt ihnen somit Respekt – indem man ihre Hand nimmt und an seinen Kopf hält. Sie haben mir mein Rückfahrticket mit dem Bus unbedingt kaufen wollen, was mich als Zeichen, dass sie mir was Gutes tun wollen, sehr, sehr glücklich macht. Juchee – es ist schön, wenn man gemocht wird.

Achja – und ich war beim Frisör. Mein Gott, was muss ich eitel sein, denn mein Magen war ja sowas von verkrampft, dass die Scheiße bauen, der hat sich erst Minuten nachdem wir raus waren aus dem Frisörsalon, langsam entspannt. Also: Selbsterkenntnisse ohne Ende. Auch deshalb zieht es mich ins Ausland mein Schatz. Nirgendwo lernt man so viel so schnell. Glaube ich zumindest. Haare sind prima – für ca. 5 Euro!
Kurze Mitteilung an Tuphong: Gewaschen wurden die Haare mit kaltem Wasser. Nachdem mir anfänglich ein kleiner Schreckensruf über die Lippen kam, ist es danach wohl kaum wärmer geworden, was bedeutet: ich habe mich schnellstens dran gewöhnt. Vielleicht geht das mit dem kalten Wasser ja doch??

Ansonsten bin ich heilfroh Bandung gewählt zu haben, denn Jakarta ist scheißheiß (man kann es nicht anders sagen). Täglich über 30 Grad – nee nee.

Mit der Arbeit bleibt es jetzt so, dass mich die AIESECer, wenn es ihnen möglich ist, fahren. Ich habe Suryo, den Hauptverantwortlichen, mehrmals gefragt, ob das okay sei, (denn ich würde das ja auch nicht machen wollen) und er blieb dabei. Für den Fall, dass sie nicht könnten, hat er mir mittlerweile mitgeteilt, würde mich jemand des Dana Mulia Waisenhauses gerne fahren – sie hätten das Gefühl so viel durch mich zu profitieren, das sie gerne etwas zurückgeben wollten.

Zu meiner Arbeit dann demnächst endlich mehr.

Viele liebe Grüße nach Deutschland – und wenn ihr das nächste Mal deutsch duscht, denkt an mich -sowie an den puren Luxus, den ihr in dem Moment genießt! Hach – ich freu mich jetzt schon drauf – wer hätte gedacht, dass ich so gerne dusche??

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